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Armut und Auswanderung: „In den seltensten Fällen bringt Migration mehr Wohlstand“

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22. September 2020 - Kaum jemand kennt sich mit Armut und Hunger in Afrika so gut aus wie Dominik Ziller. Sein Blick auf das Thema Migration ist differenziert – und im Zweifel realistisch. Ein Interview von Klaus Geiger, Ressortleiter bei der WELT für Außenpolitik.

Dominik Ziller - Kaum jemand kennt sich mit Armut und Hunger in Afrika so gut aus wie er. Sein Blick auf das Thema Migration ist differenziert – und im Zweifel realistisch.
Dominik Ziller - Kaum jemand kennt sich mit Armut und Hunger in Afrika so gut aus wie er. Sein Blick auf das Thema Migration ist differenziert – und im Zweifel realistisch.© WELT

Dominik Ziller leitet den Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD) mit Sitz in Rom. Die seit 1974 bestehende Organisation hat sich zum Ziel gesetzt, armen Menschen in aller Welt, vor allem in Afrika, eine Perspektive in ihren Heimatländern zu bieten

WELT: Herr Ziller, kann man die Folgen von Corona für Afrika schon absehen?

Dominik Ziller: Nicht wirklich. Die Zahl der Hungernden wird zunehmen, das ist sicher. Es gibt unterschiedliche Schätzungen, zwischen 80 und 150 Millionen Menschen, die zusätzlich zu den jetzt schon 690 Millionen hungern werden. Aber es ist völlig unklar, wie permanent dies sein wird.

WELT: Also ist der Hunger schlimmer als die Krankheit selbst?

Ziller: Die meisten afrikanischen Länder würden das bejahen. Wenn ich dort mit Verantwortlichen spreche, heißt es meist: Die wirtschaftliche Krise trifft uns schlimmer als die gesundheitliche.

WELT: Auch ohne Corona stieg die Zahl der Hungernden auf der Welt seit 2014. Zuvor war der Trend noch positiv gewesen. Woher kam dieser Knick in der Kurve?

Ziller: Der positive Trend, den wir hatten, resultierte daraus, dass vor allem in Asien durch den Boom der Schwellenländer die Armut und die Zahl der Hungernden dramatisch zurückgegangen ist. Auch in Afrika gibt es Fortschritte, aber auf der anderen Seite haben wir in einzelnen Ländern weiter sehr hohe Geburtenraten. Deshalb bleibt die Zahl der Hungernden konstant oder steigt sogar.

WELT: Was kann man tun?

Ziller: Es ist natürlich nicht so, als wären irgendwo die Lebensmittel, und man muss sie bloß an den richtigen Adressaten bringen. Wir haben das Problem in einigen Staaten, dass das landwirtschaftliche Potenzial nicht ausgenutzt wird, vor allem bei Ländern mit großen Rohstoffvorkommen. Die verkaufen das Rohöl und kaufen die Nahrungsmittel auf dem Weltmarkt. Das sind aber auch die Länder, die bei den aktuell niedrigen Rohstoffpreisen ein großes Problem haben und die auch unter Covid besonders leiden. Wenn die Lieferketten nicht mehr funktionieren, ist dort die Not größer als in ärmeren Staaten, die ihr landwirtschaftliches Potenzial ausschöpfen und einigermaßen autark sind.

WELT: Sie sind nun schon sehr lange in der Entwicklungspolitik. Was Sie beschreiben, war sicher auch schon vor 20 oder 30 Jahren das Ziel der Hilfe. Warum reicht es nicht?

Ziller: In Asien gibt es praktisch nur Erfolgsgeschichten. Aber es gibt natürlich Länder, gerade im Mittleren Osten und Afrika, wo Konflikte oder politische Umstürze die Erfolge auch wieder zunichtemachen. Dort muss man anfangen, wo man vielleicht vor 15 Jahren war. In diesem Job braucht es schon eine gewisse Frustrationstoleranz.

WELT: Warum waren die Fortschritte in Asien denn so viel größer?

Ziller: Zunächst muss man einmal sagen, dass Afrika stärker vom Klimawandel und von Trockenheit betroffen ist. In Asien haben einige Staaten zudem aber die Demografie besser in den Griff bekommen. Diese haben sehr viel früher angefangen, stark in Bildung und Ausbildung zu investieren. Das trägt dann irgendwann Früchte.

WELT: Die Geburtenraten in Afrika und Asien waren vor 50 Jahren etwa ähnlich. Heute ist Asien auf europäischem Niveau, in Afrika bekommen Frauen immer noch vier Kinder im Schnitt.

Ziller: Wenn das Wohlstandsniveau steigt, sinkt die Geburtenrate. Das kann etwas mit Bildung zu tun haben, mit dem Wissen über Verhütung, mit Traditionen, mit der Rolle der Kinder als Altersvorsorge. Wir sehen aber auch, dass in Ländern mit insgesamt hohem Bevölkerungswachstum die wohlhabenderen Schichten weniger Kinder bekommen.

WELT: Wie das?

Ziller: Die Statistik zeigt uns, dass von jungen ärmeren Menschen sehr viele in ländlichen Gebieten leben. Diese Leute migrieren dann oft in die Städte, finden keine vernünftige Arbeit und enden in den Slums. Wir müssen deshalb den Menschen dort Perspektiven bieten, wo sie sind – also auf dem Land. Etwa durch Kredite, um Land oder Maschinen zu kaufen. Vielfach ist da eine große Illusion, was in der Stadt alles möglich ist. Der erste Schritt der Migration führt die Menschen in größere Städte. Der zweite Schritt geht ins Nachbarland, und der dritte Schritt ist dann der Nachbarkontinent. Und jeder dieser Schritte ist mit Illusionen verbunden. In den seltensten Fällen bringt Migration dann wirklich mehr Wohlstand.

WELT: Urbanisierung allein bedeutet also noch keinen Wohlstand?

Ziller: Mein Gefühl ist, dass es sehr viele Leute gibt, die sich sehr wohl dort fühlen, wo sie geboren sind. Es gibt auch diese Weltbürger, die am liebsten das ganze Leben über den Globus ziehen. Aber oft entsteht der Migrationswunsch vor allem aus Schwierigkeiten mit der Situation zu Hause. Dort muss man ansetzen.

WELT: Die Bekämpfung der Fluchtursachen also. Im Moment wird in Europa mehr über Grenzschutz gesprochen.

Ziller: Es kann doch nicht die Alternative sein, entweder die Menschen mit Gewalt in der Armut zu halten oder sie bei uns in Zahlen aufzunehmen, wo wir am Ende gesellschaftlichen Unfrieden bekommen und rechtsextreme Parteien stark werden. So wie es in der Migrationskrise 2015 und 2016 war.

WELT: Hat die Krise Ihre Arbeit verändert?

Ziller: Ja. Der Entwicklungshilfehaushalt hat sich in den vergangenen Jahren verdoppelt. Da gibt es schon eine neue Dynamik. Aber jetzt ist die spannende Frage, wie man das Geld verteilt.

WELT: Inwiefern?

Ziller: Zum einen haben wir bei UN-Zielen gesagt, dass wir niemanden zurücklassen wollen. Aber zum anderen muss ich dahin gehen, wo ich für jeden eingesetzten Dollar möglichst viele Leute aus der Armut bringen kann.

WELT: Wenn sich die Menschen denn überhaupt vor Ort helfen lassen wollen. Wie kann man neue Träume und Lebensentwürfe schaffen für jemanden, der von Europa träumt?

Ziller: In den vergangenen Jahren wurden Migrationszentren in Partnerländern eröffnet, gerade in Ländern, aus denen besonders viele Menschen nach Deutschland gekommen sind. Dort wird über legale Zuwanderungswege informiert und über Potenziale am Arbeitsmarkt. Es wird auch erklärt, wo eine Erwerbstätigkeit eher schwierig und die dauerhafte Migration nach Deutschland und Europa vielleicht nicht möglich ist.

WELT: Und Sie sprechen dort über neue Lebensentwürfe in der Heimat?

Ziller: Wir kombinieren immer alles mit dem Versuch, Alternativen zur Migration aufzuzeigen. Über Programme der beruflichen Bildung, der Existenzgründung, Bildungsförderung in den einzelnen Partnerländern. Wir sollten auch Menschen, die es in Deutschland versucht haben und keinen Aufenthaltstitel bekommen haben, die Rückkehr erleichtern und sagen, du fällst nicht ins Bodenlose. Ich glaube, das ist wichtig. Und das ist ein anderer Ansatz, als zu sagen: Wir machen einfach die Grenze dicht und hoffen, dass das irgendwie gut geht.

(Quelle: Klaus Geiger, WELT)

Hintergrundinformation

Dominik Ziller, bislang Leiter der Abteilung für internationale Entwicklungspolitik im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), ist seit 1. August 2020 einziger Vizepräsident des International Fund for Agricultural Development (IFAD) in Rom.

IFAD ist eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen. Ziller folgt auf Cornelia Richter, die in den Ruhestand geht, und berichtet an den IFAD-Präsidenten, Gilbert Houngbo.

Klaus Geiger war nach seinem Studium zunächst von 2003 bis 2011 bei der französischen Agence-Presse France (APF) tätig. Danach wechselte er zur deutschen Tageszeitung WELT. Nach diversen Jahren Erfahrungen als Wirtschaftsredeakteur leitet er nun seit 2018 das Ressort Außenpolitik.

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