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WFP-Leiter fordert in seiner Ansprache zur Nobelpreisverleihung die Welt auf, ihren Reichtum zu nutzen, um Hungersnöte zu verhindern

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Rom, 10. Dezember 2020 - Lesen Sie hier das Transkript der Dankesrede von David Beasley, Exekutivdirektor des UN-Welternährungsprogramms, bei der Verleihung des Friedensnobelpreises.

David Beasley, Executive Director of UN World Food Programme, received the Nobel Peace Prize awarded to WFP in Rome
David Beasley, Executive Director of UN World Food Programme, received the Nobel Peace Prize awarded to WFP in Rome© WFP / Rein Skullerud

Wenn man heute Morgen in der schönen Stadt Rom aufwacht, ist es schwer vorstellbar, dass diese Stadt um 400 n. Chr. eine massive Hungersnot erlebte, die am Ende fast 90 % der Bevölkerung tötete. Studierende der Geschichte verbinden mit diesem alten Datum etwas anderes: den Beginn des Untergangs des Römischen Reiches. Hat nun die Hungersnot den Untergang verursacht? Oder hat der Untergang die Hungersnot verursacht? Ich denke, die Antwort ist ja - beides.

Wenn man in dieser wohlhabenden, modernen, technologisch fortgeschrittenen Welt aufwacht, ist es schwer, sich vorzustellen, eine solche Hungersnot durchzumachen müssen. Es ist meine tragische Pflicht, Ihnen heute zu sagen: Eine Hungersnot steht vor der Haustür der Menschheit. Für Millionen und Abermillionen von Menschen auf der Welt.

Gelingt es uns nicht diese Hungersnot in unserer Zeit zu verhindern, wird dies so viele Leben zerstören und den Untergang von vielem, was uns lieb und teuer ist, herbeiführen.

Im Namen von Generalsekretär Guterres von den Vereinten Nationen, unserem Vorstand, unseren Schwesterorganisationen, unseren unglaublichen Partnern und Spendern und vor allem im Namen von 19.000 Friedensstiftern im UN World Food Programme und für all jene, die vor uns kamen, besonders die, die in Ausübung ihrer Pflicht starben und ihre Familien, die weitermachen, und im Namen der 100 Millionen hungernden Menschen, die wir unterstützen, vielen Dank an das norwegische Nobelkomitee für diese große Ehre.

Danke auch für die Anerkennung unserer Arbeit, bei der wir Nahrung einsetzen, um Hunger zu bekämpfen, der Destabilisierung von Nationen entgegenzuwirken, Massenmigration zu verhindern, Konflikte zu beenden und... Stabilität und Frieden zu schaffen.

Wir glauben, dass Nahrung der Weg zum Frieden ist.

Ich wünsche mir, dass ich heute darüber sprechen könnte, wie wir gemeinsam den Welthunger für all die 690 Millionen Menschen beenden können, die jede Nacht hungrig zu Bett gehen. Aber wir befinden uns heute inmitten einer Krise.

Dieser Friedensnobelpreis ist mehr als ein Dankeschön. Er ist ein Aufruf zum Handeln. Aufgrund der vielen Kriege, des Klimawandels, des weit verbreiteten Einsatzes von Hunger als politische und militärische Waffe und einer globalen Gesundheitspandemie, die all das exponentiell verschlimmert, stehen 270 Millionen Menschen an der Schwelle zum Hungertod. Kümmern wir uns nicht um ihre Bedürfnisse, dann erleben wir eine Hungerpandemie, die die Auswirkungen von COVID in den Schatten stellen wird.

Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, hängen von diesen 270 Millionen 30 Millionen zu 100 Prozent von uns ab, um zu überleben.

Wie wird die Menschheit darauf reagieren?

Lassen Sie mich Ihnen sagen, warum das, was wir beim UN World Food Programme tun, funktioniert.

Erstens: Essen ist heilig. Jeder, der schon einmal an einem Erntedankfest oder einem Feiertagsessen teilgenommen hat, das Abendmahl empfangen hat, an einem Seder teilgenommen hat, im Ramadan gefastet hat oder in einem buddhistischen Tempel Essen geopfert hat, weiß das.

Und jeder Mensch, ob er nun gläubig ist oder nicht, weiß um die Kraft des Essens, das uns nicht nur ernährt, sondern uns auch in unserer Menschlichkeit zusammenführt.

Hier ist der zweite Grund, warum das UN World Food Programme funktioniert: Weil das, was die 19.000 von uns tun, ein Akt der Liebe ist. Dr. King, Nobelpreisträger von 1964, sagte: „Liebe ist die dauerhafteste Kraft der Welt.“

Und wie Dr. King lernte ich von klein auf diese Lehre von Jesus von Nazareth, wie er aus der Thora lehrte: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Ich bin zu der Erkenntnis gelangt, dass eine bessere Übersetzung dessen, was Jesus tatsächlich sagte, lautet: „Liebe deinen Nächsten wie deinen Gleichen.“ Denken Sie einen Moment lang darüber nach, was das wirklich bedeutet.

Stellen Sie sich vor, jede Frau, jeder Mann, jedes Mädchen und jeder Junge, mit denen wir diesen Planeten teilen, wäre uns gleichgestellt...und wenn wir sie einfach als solche lieben würden.

Was mir Hoffnung gibt, ist Folgendes: 100 Millionen meiner Gleichen haben im letzten Jahr Nahrungsmittel vom UN World Food Programme erhalten und wir haben Hungersnot abgewendet.

Was mich innerlich zerreißt, ist Folgendes: Im kommenden Jahr werden Millionen und Abermillionen meiner Gleichen an den Rand des Hungertodes gedrängt.

Wir stehen vor dem vielleicht ironischsten Moment in der modernen Geschichte. Auf der einen Seite stehen heute nach einem Jahrhundert massiver Fortschritte bei der Beseitigung extremer Armut 270 Millionen unserer Nachbarn am Rande des Hungertodes. Das ist mehr als die gesamte Bevölkerung von Westeuropa.

Auf der anderen Seite gibt es in unserer Welt heute ein Vermögen von 400 Billionen US-Dollar. Selbst auf dem Höhepunkt der COVID-Pandemie wurden in nur 90 Tagen zusätzliche 2,7 Billionen US-Dollar an Reichtum Vermögen erzeugt. Und wir brauchen nur 5 Milliarden US-Dollar, um 30 Millionen Menschenleben vor einer Hungersnot zu bewahren.

Was übersehe ich hier?

Viele meiner Freunde und Führungskräfte auf der ganzen Welt haben zu mir gesagt: „Du hast den tollsten Job der Welt, rettest Leben von Millionen von Menschen.“

Nun, das ist das, was ich Ihnen antworte: „Ich gehe nachts nicht ins Bett und denke an die Kinder, die wir gerettet haben, ich gehe ins Bett und weine wegen der Kinder, die wir nicht retten konnten. Und wenn wir nicht genug Geld und den nötigen Zugang haben, müssen wir entscheiden, welche Kinder essen und welche nicht essen, welche Kinder leben und welche sterben. Wie würde Ihnen dieser Job gefallen?“

Bitte fragen Sie uns nicht, zu entscheiden, wer lebt und wer stirbt.  

Im Geiste von Alfred Nobel, wie es hier auf dieser Medaille verewigt wurde – Frieden und Brüderlichkeit – Lasst sie uns alle ernähren.

Nahrung ist der Weg zum Frieden.

(Quelle: WFP Pressmitteilung)

Hintergrundinformation

Das Welternährungsprogramm (WFP) hat den diesjährigen Friedensnobelpreis für seine „Bemühungen zur Bekämpfung des Hungers“ und seinen „Beitrag zur Verbesserung der Friedensbedingungen in den von Konflikten betroffenen Gebieten“ erhalten.

Die Nobelpreisverleihung findet zu einem Zeitpunkt statt, da Millionen von Menschen erneut von Hunger bedroht sind, insbesondere in den vier vom Konflikt betroffenen Ländern Jemen, Süd Sudan, Nigeria (Nordosten) und Burkina Faso, und dies vor dem Hintergrund einer alarmierenden Zunahme von Konflikten, Hunger und der COVID-19-Pandemie.



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